NARREN DER GESELLSCHAFT?

 

Ein Essay

 

Sie boomen noch immer: Die Ausstellungen psychisch kranker Künstler, die Buchpräsentationen „wahnsinniger“ Schriftsteller, die mehr oder weniger kleinen und großen Präsentationen der Werke, die Menschen mit Depressionen, Zwangszuständen, schizophrenen und manischen Psychosen während ihrer Krankenhausaufenthalte geschaffen haben.

Kunst ist in unserer Gesellschaft DAS Medium, das Abweichungen vom Normalen, Skandale und Provokationen noch am ehesten toleriert und somit scheinbar auch Außenseiterkünstler akzeptiert. Aber: Schon der Dichter Robert Walser, dem man – übrigens zu Unrecht – unterstellte, dass er 1929 freiwillig in die psychiatrische Klinik Waldau bei Bern eingetreten sei, “weil sein literarisches Schaffen zum Stillstand gekommen sei, so dass nur dieser Ausweg offen gewesen wäre”, sagte: “Dichtet ein kranker Mensch gut, so gehört er als Dichter zu den Gesunden.”

 

Kunst und Psychiatrie

Eines ist sicher: Kunst und Psychiatrie hatten schon immer viel miteinander zu tun, und obwohl sich die Bereiche Medizin und Kunst, zwischen denen in früheren Jahrhunderten eine enge Beziehung bestand, mit der Zeit immer mehr voneinander lösten, finden im auch heute noch für viele schwer fassbaren Reich der Seele Synergien mit der Kunst statt; Die Verbindung von künstlerischer Kreativität und psychischem Ausnahmezustand stellt tatsächlich einen alten Topos westlicher Kultur dar.

Schon Aristoteles hatte betont, dass alle, die als Künstler, Philosophen, Dichter oder Staatsmänner Großes leisten, zu jener Melancholie neigen, die auf einem Übermaß an schwarzer Galle beruht und sowohl Künstlern wie Wahnsinnigen eigen ist.

Obwohl Platon zuvor schon zwischen schöpferischer und klinischer mania unterschieden hatte, hielt sich der Topos von ”Genie und Wahnsinn” bis in unser Jahrhundert.

Doch weiter in der Chronologie: Marsilio Ficino entwickelte die Melancholielehre fort, die unter den Künstlern des 16. und 17. Jahrhunderts modische Züge annahm. Auch zur Zeit der Romantik stand der psychisch labile, ja kranke Intellektuelle und Künstler im Mittelpunkt des Interesses. Allerdings folgte bald die Ernüchterung. Schopenhauer, Lombroso und viele Ärzte unterstrichen zwar den Zusammenhang von Hochbegabung und ”Irrsinn”, werteten letzteren aber klinisch-negativ, wodurch auch der Geniekult demontiert wurde. „Die Neigung zur Kunst ist bei den Irren sehr ausgesprochen und kommt bei fast allen Irrsinnsformen vor. Die Einbildungskraft in ihren phantastischen Schöpfungen ist umso lebhafter und bizarrer, je mehr der Geist gestört ist“, formulierte etwa Lombroso, und später hörte man von Navratil: „Hölderlin wurde gerade infolge seiner schizophrenen Psychose zu einem der größten Lyriker deutscher Sprache.“

Tatsächlich schätzten im 20. Jahrhundert die Avantgardisten schon früh die Kunst der Kinder und Geisteskranken, an der sie die Ursprünglichkeit und das Fehlen jeglicher akademischer Tradition bewunderten, und auch das Kunstpublikum begann sich in hohem Maß für Art brut und ähnliche Richtungen zu interessieren.

 

Koketterie mit dem Wahnsinn

Auch heute noch wird die Kunst psychisch kranker Menschen als solche thematisiert, gefördert oder zumindest “gesondert” präsentiert. Was dabei oft festzustellen ist, ist eine gewisse Koketterie mit “dem Wahnsinn”, die demjenigen, der genau hinschaut, nur die Schauer über den Rücken jagen kann. Denn: was heißt es anderes, als mit dem „Wahnsinn“ zu kokettieren, wenn man etwa postuliert, dass die Kunst psychisch kranker Menschen ihrem Wahnsinn entspringt? Was dabei passiert ist einerseits eine Reduktion der Kunst und eine Relativierung ihres Wertes, andererseits auch eine Reduktion von psychischer Krankheit, denn man geht bei solchen Argumentationen auch davon aus, dass jemand, der zwar psychisch krank, als Künstler aber kreativ und produktiv ist, wohl kein großes Leid erlebt.

 

Berühmt oder gelackmeiert?

Mag sein, dass einzelne psychisch kranke Künstler, die unter diesem Etikett ihre Werke präsentieren (oder präsentieren lassen), davon profitiert haben. Angenommen es wäre so, dass Kunst, die mit Wahnsinn zu tun hat, sich gut verkauft, aber was tut sie damit noch? Befriedigt sie nicht voyeuristische Bedürfnisse oder den angenehmen Grusel, anstatt zum Beispiel gezielt zu verstören oder zu konfrontieren? Bewirkt sie tatsächlich auch Auseinandersetzung mit „Wahnsinn“ oder verdienen sich in Wirklichkeit nur Galeristen, Verleger oder Kunsthändler eine goldene Nase damit, und der Künstler, der sich in dieses Klischee pressen lässt, ist der Gelackmeierte, weil er aus dem Klischee sobald nicht mehr herauskommen wird, wenn er das will?

 

Schaffen in der Psychose?

Und: Was soll die Überhöhung der Verbindung Kunst und Wahnsinn eigentlich angesichts der voll ausgebrochenen Psychose bedeuten? Glaubt irgendjemand, dass sich in einem schweren schizophrenen oder manischen Schub Kunst produzieren lässt? Ist es nicht vielmehr so, dass das Erleben in psychischen Extremzuständen bei grundsätzlich künstlerisch begabten Menschen im Nachhinein dazu führen kann, dass sie etwas Besonderes schaffen? Viele psychische Krankheiten verlaufen schubhaft, was auch bedeutet, dass Betroffene zwischen den „Wahnsinnsphasen“ ganz normale gesunde Zeiten erleben. Sollte man also nicht viel eher davon ausgehen, dass die meisten von Wahnsinn betroffenen Künstler in diesen gesunden Zeiten ihre Kunst

schaffen?

 

Verharmlosung von Leid

Grundsätzlich ist es wohl eines von vielen Klischees über den Wahnsinn, wenn man annimmt, dass das eine mit dem anderen etwas zu tun hat.

Natürlich hat es immer Künstler gegeben, die psychisch krank sind, und das haben ja auch schon viele in dem einen oder anderen Sinn propagiert. Auch Selbsthilfegruppen psychisch Kranker schmücken sich manchmal mit den Federn „berühmter geisteskranker Künstler“, doch die Frage ist, ob sie damit nicht in eine Falle tappen und in die selbe Kerbe schlagen wie andere, die schicke Sammlungen geisteskranker Kunst anlegen, damit mit dem Wahnsinn kokettieren und psychisches Leid verharmlosen.

 

Was ist (geisteskranke) Kunst?

Wir sollten zudem nicht vergessen dass nicht jeder psychisch Kranke Künstler und nicht jeder Künstler psychisch krank ist. Und schließlich stellt sich auch noch die Frage, was Kunst überhaupt ist. Die möglichen Antworten darauf reichen vom Postulat „Kunst kommt von Können“ bis zu „Jeder Mensch ist ein Künstler“ (Joseph Beuys), umfassen eine enorme Bandbreite von Definitionsversuchen und spiegeln letztlich nur die individuelle Anschauung oder gar nur den individuellen Geschmack. Ähnlich schwierig und letztlich absurd wird das Thema, wenn man fragt, ob es schlechte und gute Kunst gibt, ob es DIE Kunst Geisteskranker, ob es etwa auch DIE Kunst von Patienten nach Herzinfarkt oder Krebsoperation gibt.

Man tut sicherlich weder der Kunst den psychisch Kranken etwas Gutes, wenn man beides in einen zu engen, zu banalen, zu einfachen Zusammenhang stellt.

Andererseits brauchen wir alle wohl ein gewisses Maß an Wahnsinn, um die Normalität auszuhalten, und wir brauchen die Kunst, damit wir leben und nachdenken, uns verstören lassen und Neues finden können.

 

Fließende Grenzen

Unzweifelhaft ist es so, dass die meisten psychisch kranken Menschen eine sehr tiefe Sensibilität und ein besonderes Empfinden haben, und wenn sie in sich auch die Möglichkeit haben, dem auf künstlerische Weise Ausdruck zu geben, so gibt es da schon so etwas wie eine Verbindung zwischen Wahnsinn und Kunst, aber die gibt es (vielleicht) auch, wenn ein gesunder Künstler zum Thema Wahnsinn schreibt, malt oder komponiert.

Ist es zudem nicht auch so, dass jeder Mensch in jeder Hinsicht gesunde und kranke Anteile in sich hat, und dass die Grenzen fließend sind? Hier liegt wahrscheinlich die Chance, die man mit dem Thema Kunst und Wahnsinn einlösen kann, wenn man nämlich den Wahnsinn zu Wort, zu Bild oder zu Musik kommen lässt. Kunst kann in diesem Zusammenhang eine Funktion in einem Aufklärungsprozess haben. Wahrscheinlich hat ja jeder zumindest Anteile von manischen Glückszuständen oder so genannten schizophrenen Wahnideen, aber die meisten Menschen fürchten diese dunklen Seiten in sich selbst. Zeigt nun ein Künstler – ohne sich als krank oder gesund zu deklarieren - die Innensicht eines Betroffenen, so kann er vielleicht auch etwas von dieser Angst nehmen, und der Außenstehende sieht: der „Wahnsinnige“ ist ein ganz normaler Mensch mit normalen Gefühlen oder mit einer übersteigerten oder reduzierten Gefühlswelt; der Kunstbetrachter lernt, die Welt aus Sicht des „Wahnsinnigen“, den Wahnsinn aus der Sicht der Kunst zu sehen und beginnt zu begreifen.

 

Gegen das Grenzen Ziehen

In diesem Sinne wäre gegen das Grenzen Ziehen und gegen das „Besonders Machen“ von psychisch kranken Künstlern zu plädieren. Wir sollten aufhören damit, darauf aufmerksam zu machen, dass jemand eine ganz bestimmte Krankheit hat, eine ganz bestimmte Nase oder eine ganz bestimmte Nationalität.

 

(erschienen in Arzt&Praxis 944, 2008)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Because my dreams

are made of iron and steel

with a big bouquet of roses

hangin´down

from the heavens

to the ground

 

B. Dylan