KLEINE WELT

 

Eine literarische Betrachtung über Demenz  

 

 

Eins:

Alles in Ordnung, oder?

 

Er suchte sie. Wie er jeden Tag mehrmals etwas suchte, etwas ganz Alltägliches, etwas, das er immer brauchte oder gerade jetzt brauchte oder gerade jetzt haben wollte, gerade weil er es nicht fand. Eine Geldtasche, einen Pass, einen Schlüssel, die Brille hatte er sich längst schon an einer Schnur um den Hals gehängt, weil er sie täglich, stündlich, minütlich verlegte. Das passiert vielen, dachte er immer, und Leute mit einer Brille um den Hals gab es zu Millionen, das hatte nichts zu bedeuten.

 

Jetzt aber suchte er wieder die Geldtasche. Er wollte ausgehen, ausgehen und sich in ein Café setzen, um die Zeit fein vergehen zu lassen, die Zeit, die ihm immer, in letzter Zeit immer öfter, so lang wurde, aber ohne Geldtasche konnte er nicht ausgehen und sich in ein Café setzen und die Zeit fein vergehen lassen. Hatte er sie vielleicht auf dem Wohnzimmertisch liegen gelassen, als er gestern abends das absurde Bedürfnis verspürt hatte, sein Geld zu zählen. Nein, da war sie nicht. Oder auf dem Küchentisch? Nein. Oder neben dem Telefon? Auch nicht.

 

Es war ihm bewusst, dass er ständig auf der Suche nach etwas war. Natürlich, es waren nur Gegenstände, aber vielleicht suchte er mit ihnen etwas ganz anderes, etwas, das ihm verloren gegangen war in der letzten Zeit, etwas Kostbares, etwas zutiefst Wertvolles, was es aber wirklich war, wusste er nicht. Er wusste nur, dass es in letzter Zeit immer mehr Berichte in den Zeitungen über das große Vergessen gab, das Verlieren von Dingen und dem Verständnis von Zeit und Ort, das nicht mehr Erkennen von seit ewig geliebten Personen zum Schluss, das Nicht mehr sprechen Können, die absolute Abhängigkeit von anderen, die einen bis zum bitteren Ende pflegten, ein Schreckensszenario des 21. Jahrhunderts, aber das war nicht seine Zukunft, nein, sein Leben lang waren sein Kopf und sein Geist auf der höchsten Höhe gewesen und das hatte sich im Grunde seiner Anschauung nach nicht geändert, er war einfach älter geworden und schwächer und worunter er litt, war die normale Vergesslichkeit des Alters, das schrieben sie ja auch immer, die Ärzte, dass man deshalb keine Panik bekommen musste, ja, normale Altersvergesslichkeit.

 

Trotzdem: seine Gedanken waren heute so dunkel gefärbt, er dachte nur in Grautönen, verdrängte es am besten und machte sich wieder auf die Suche nach der Geldtasche. Ging nochmals ins Wohnzimmer, schaute auf den Bücherregalen, all die Bücher, die er in seinem Leben gelesen hatte und die er als einen kostbaren Besitz fein säuberlich geordnet aufbewahrte. Lesen, ja Bücher lesen, das war früher gewesen, da hatte er ein Buch nach dem anderen geschluckt wie klarstes Gebirgswasser nach einer körperlich zutiefst anstrengenden Herausforderung, jetzt war ihm die Gier nach diesem Lebensmittel abhanden gekommen, weil er seine Aufmerksamkeit nicht mehr lange auf ein und die selbe Sache lenken konnte, nein, auch auf den Regalen nicht.

 

Ihm blieb jetzt nur noch das Badezimmer, und er verspürte aufsteigende Angst, dass sie auch da nicht sein würde, doch da lag sie. Auf dem Waschbeckenrand, natürlich, schoss es ihm heiß durch die Gehirnbahnen, er hatte die Geldtasche gestern in der Hosentasche stecken gehabt, und als er duschen gegangen war, hatte er sie dort abgelegt. Geröll fiel ihm vom Herzen, alles in Ordnung also, oder?

 

 

Zwei:

Dings

 

 

Gott, war das mühselig, diese Kleider, all diese Kleider. Anziehen. Er würde das Grüne nehmen. Das lag schon da. Eine Unterhose. Das Hemd. Das Unter....., Unter...., ....., egal. Jetzt hatte er das Hemd angezogen und das Unter vergessen. Alles noch mal von vorn. Diese Knupfe wieder aufmachen. Einen, und noch einen und noch einen und noch einen, der da hing, seine Finger zitterten, er konnte diesen Knupf nicht aufmachen. Egal, er würde das Unter weglassen. Jetzt die Knupfe wieder zumachen. Einen nach dem anderen, einen nach dem anderen, das dauerte eine Ewigkeit, was war das für ein Leben.

 

Wie spät war es überhaupt? Wo war denn seine große Wanduhr? Die war doch immer in der Küche gewesen. Da war sie nicht, aber da stand die Kaffeemasch. Ja, er brauchte einen Kaffee. Auf einmal spürte er, wie kalt ihm war, die Socken, er hatte die Socken vergessen. Wie machte man Kaffee? Pulver brauchte man und Milch und was noch? Eigentlich hatte er gar keinen Durst und auch keinen Hunger. Schon länger hatte er immer seltener Hunger. Wozu sollte er überhaupt essen? Aber da war diese Frau, die immer wieder kam. Die zwang ihn zum Essen, furchtbar. Und dann berührte sie ihn auch noch immer, das konnte er überhaupt nicht ertragen, das tat so weh.

 

Wieso war es denn so dunkel draußen, es musste doch Morgen sein, und Sommer war doch auch, oder war es im Sommer morgens noch dunkel? Nein, müde war er nicht, es war sicher Morgen, er würde jetzt den Dings anrufen. Der hatte doch gesagt, er käme ihn heute besuchen, der Dings, den er seit ewig kannte, aber wie er jetzt aussah, er hatte keine Ahnung. Egal, es kam sowieso niemand anderer, also würde er ihn schon erkennen, wenn er an der Socke läutete.

 

Auf einmal verspürte er doch wieder Müdigkeit, sollte er sich auf das Sofa im Wohnzimmer legen, wo war denn überhaupt sein Wohnzimmer? Nein, der Dings, er wollte ja den Dings anrufen, hatte es ihm doch versprochen, oder? Er hatte es ohnehin aufgeschrieben, fiel ihm ein, auf einem Zettel. Da war der Zettel, nein, da stand „M-e-d-i-k-a-m-e-n-t-e n-e-h-m-e-n“. Ja, das musste er auch noch tun, aber da war noch ein Zettel, ein gelber, da waren gelbe, rote, weiße und grüne Zettel, überall, überall, hatte er es auf einen gelben Zettel geschrieben? Seine Mutter hatte immer blaue Kleider getragen, seine liebe Mutter, seine liebe Mutter, wo war sie eigentlich? Er hatte sie so lange nicht mehr gesehen, ob sie tot war? Nein, das konnte nicht sein, Mama war nicht tot, er musste den gelben Zettel mit der Telefonnummer Dings finden.

 

Zettel, Zettel, Zettel, überall, „9? 19? 91? 55? 67? 43? 345?“ Das war nur eine Zahl, das konnte nicht die Nummer vom Dings sein, nein, er fand den Zettel nicht, grüne Joppen hatte er früher schon immer so gern getragen, die hatte ihm auch seine liebe Mama gekauft, seine liebe Mama, war sie tot? Nein, sie konnte nicht tot sein. Da war noch ein Zettel, und ja, da stand auch das Telefon, ja, das war die Nummer vom Klaus. Ach ja, Klaus hieß er. Er würde einmal wählen, dachte er, und dann stieg ein bisschen Angst in ihm auf, dieses verdammte Telefon machte ihm immer solche Schrigkeiten. Neun, nein sechs, ok, sechs, fünf, ja fünf, drei, nein acht, nein, drei, eins, ja eins, er hatte geschafft, aber wieso läutete das so lange, wieso ging denn der Dings nicht ran? Hallo? Hallo? Hallo?

 

 

Drei:

Geburtstag

 

Heute war ein besonderer Tag, das wusste sie. Sie fühlte sich gut unter all diesen Menschen, die sie wohl kannte. Ja, sie musste sie kennen, natürlich kannte sie sie. War da nicht ihr Vater? Mit einem seltsamen Gegenstand in der Hand. Versteckte sich dahinter. Rief sie gleichzeitig immer Mama. Viele Menschen, sie kannte alle. Oder doch nicht? Sie lachten jedenfalls, sahen freundlich drein, Sonne schien.

 

Kleine Steine unter ihren Füßen, der Rollstuhl stand gut, sie saß sicher, unter einem Kastanienbaum. Ja Kastanienbaum. Kastanienbaum. Kastanienbaum. Kastanienbaum. Kastanienbaum. Kastanienbaum. Kastanienbaum. Kastanienbaum. Kastanienbaum. Kastanienbaum. Kastanienbaum. Kastanienbaum. Ihr ging es gut. Unter dem Kastanienbaum.

 

Eine Frau. Sehr freundlich. Lachte sie an. Sagte, sie hätte Geburtstag.

Was war das Geburtstag? Was war das Geburtstag? Geburtstag? Geburtstag. Geburtstag. Geburtstag. Geburtstag. Geburtstag. Geburtstag.

 

Alle tranken Bier. Sie wollte auch Bier. Sonne und Schatten. Viele Menschen rund um sie. An einem großen Tisch. Alle jung. So jung. So jung. So jung. Und schön. Schön. Schön. So viele Menschen. Alle lachten. Und Bier. Bier. Bier. Bier. Bier. Auf Tabletts. Wie zu Hause im Gasthaus. Da kam ein Mann. Mit einem großen Tablett. Schöner Mann. Ihr ging es gut.

 

Jetzt kam die Stelze. Da war ihre Stelze. Das hatte sie ihr Lebtag am liebsten gegessen. Stelze. Stelze. Stelze. Da war ihre Stelze. Die freundliche Frau schnitt ihr die Stelze klein. Da war ihre Stelze. Stelze essen. Stelze essen. Stelze essen. Gut. Gut. Wunderbar gut.

 

Alle lachten. Hoben die Gläser. Sie konnte ihr Glas auch noch heben, ja, das konnte sie. Jetzt sangen sie. Vom Geburtstag. Dass sie Geburtstag hatte. Geburtstag, was war das?

 

Ihr ging es gut.

Ihr ging es gut.

Ihr ging es gut. 

 

(erschienen in Arzt&Praxis 950, 2009)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Because my dreams

are made of iron and steel

with a big bouquet of roses

hangin´down

from the heavens

to the ground

 

B. Dylan