HEMMUNGSLOS PROMISKUITIV, RABIAT UND UNBERECHENBAR

 

Ein Essay

 

Verrückt, unberechenbar, gewalttätig – das sind nur einige der zahllosen Vorurteile, mit denen Menschen mit psychischen Erkrankungen belegt werden. Wer einmal so abgestempelt wird, für den führt meist kein Weg mehr aus der Gasse.

 

„Wer in Gugging war, braucht keine Feinde mehr“. Das Wort eines bekannten österreichischen Sozialpsychiaters gilt noch immer – oder soll man sagen immer mehr? Von einem Rückgang der Stigmatisierung Psychiatriebetroffener kann jedenfalls nicht die Rede sein. Nein, die dummen Gerüchte, die platten Witze, die rassistischen Diskriminierungen und Pauschalverurteilungen sind scheinbar unausrottbar. Denn psychisch Kranke sind nicht nur einem bestimmten Gesellschaftsklientel, sondern vielmehr der gesamten Gesellschaft suspekt. Sind es und bleiben es. Punktum.

 

Harmlose Mythen?

Geisteskrankheit ist erblich, ansteckend, gefährlich, psychisch Kranke sind unberechenbar, krankheitsuneinsichtig, sexuell ungezügelt, und ihre Eltern sind schuld an ihrer Erkrankung. So die gängigsten Varianten der zahllosen Mythen und Vorurteile, die sich um die Krankheit der Krankheiten ranken. Manche davon sind scheinbar harmlos oder triefen gar von angeblichem Mitgefühl.

 

Weit weg von uns Gesunden

Erblichkeit von psychischer Krankheit zum Beispiel – ein Topos, der schon in der Antike galt, beobachtete und notierte man doch schon damals etwa die Häufung manisch-depressiver Erkrankungen in einzelnen Familien. Doch auch unserer Tage ist im Zuge der genetischen Forschung und des Aufschwungs der Biologischen Psychiatrie das Wort von den hereditären Ursachen einer psychischen Erkrankung lautstark in aller Experten ebenso wie Laien Munde. Ja, und es lässt sich hervorragend anhalten an dieser Erblichkeit: Die Verursacher sind eindeutig festzumachen, die Gruppe Betroffener lässt sich eingrenzen – weit weg von uns anderen Gesunden. Wohin das im Extremfall führen kann, braucht hier nicht ausgeschrieben zu werden, es lässt sich allzu klar erkennen.

 

Kalte, krankmachende Mütter

Von der scheinbar ganz anderen Seite kommt die „Theorie“, dass psychologische Ursachen und hier vor allem der Erziehungsstil und das Verhalten der Eltern entscheidend mitverantwortlich seien für die Entstehung und Ausprägung psychischer Krankheit. Vor noch nicht allzu langer Zeit wurde beispielsweise gern und laut von den „schizophrenogenen Müttern“ gesprochen, die der „kalte, dominante und konfliktauslösende Elternteil“ seien, der dem Kind keinen anderen Ausweg lasse, als schizophren zu werden. Leicht nachzuvollziehen, wie viel Leid dieser Erklärungsansatz über die Familien der Betroffenen brachte. Aus wissenschaftlicher Sicht ist der Ansatz übrigens heute widerlegt, doch ist er wirklich umfassend verworfen?

 

Provokant uneinsichtig

Ein anderer Mythos betrifft die Krankheitsuneinsichtigkeit, die man praktisch allen psychisch Erkrankten generell unterstellt. Er oder sie ist nicht bereit, seine oder ihre Störung als Krankheit anzuerkennen,  er oder sie verweigert das Gespräch mit den Ärzten, den Therapeuten, ja gar die so gut gemeinte Behandlung. Abgesehen davon, dass Krankheitsuneinsichtigkeit aus psychiatrischer Sicht krankheitsbedingt ist und meint, dass der Betroffene sich nicht als krank wahrnehmen kann, was die Therapie erschwert, kommt sie bei weitem nicht bei allen psychiatrischen Störungsbildern vor, und wenn, dann auch nicht generell – so etwa beispielsweise „nur“ im Rahmen einer manischen Episode. Doch was das pauschale Vorurteil mit uns macht, liegt andererseits klar auf der Hand: Denn soll man etwa Verständnis haben mit provokant Uneinsichtigen, soll man ihnen die bestmögliche Behandlung überhaupt zukommen lassen, soll man sie überhaupt behandeln?

 

Hemmungslos promiskuitiv

Auf ähnliche Weise schert man psychisch Erkrankte über einen Kamm, was Promiskuität betrifft. Sexuelle Ungezügeltheit wurden ihnen allen schon in früheren Jahrhunderten unterstellt, und das hat sich bis heute nicht wesentlich geändert. Die Psychiatrie selbst differenziert die Sache allerdings klar und unterscheidet etwa promiskuitives Verhalten als mögliches Symptom einer bestimmten Phase einer psychischen Erkrankung oder aber als Symptom von Hypersexualität, wobei die Befriedigung ausbleibt und die Suche nach sexueller Erfüllung ständig fortgeführt wird, bis nach und nach die Sexualität zum alles bestimmenden Lebensbereich wird – zwei eher marginale Phänomene also.

Rabiat und unberechenbar

Wir sind noch nicht am Ende des Katalogs der dummen Redensarten, der perfiden Sprüche und der einzementierten Vorurteile. Gefährlichkeit von psychisch Kranken ist ein ganz besonders gefährliches unter ihnen. Übrigens auch nicht neu, denn kausale Beziehungen zwischen Psychopathologie und Straffälligkeit im Allgemeinen und Psychosen - wie wir sie heute definieren – wurden seit der Antike angenommen, und ihre Beschreibung ist so alt wie die ersten Beschreibungen psychischer Krankheiten. Kein Wunder – sollte man meinen -, dass sie sich bis heute gehalten haben, ja fast scheint es so, als würden sie eine neue Blüte erfahren, wirft man einen Blick in die einschlägigen Medien – doch nicht nur diese. (So genannte Bildungsbürgerblätter sind ebenso wenig frei von Psychiatrieklischees wie diejenigen, die sie bedienen.) Alle Welt fürchtet sich vor einem Menschen mit Schizophrenie, der vor Angst fast verrückt wird, weil er zum Beispiel glaubt, dass Giftgas durch die Wände sickert, und was folgt? Polizei, Niederringung, Handschellen, vergitterter Einsatzwagen, Endstation Psychiatrie.

Dr. Jekyll and Mr. Hyde

Apropos schizophrene Menschen. Sie sind vermutlich diejenigen unter den psychisch Kranken, die mit den meisten, den hartnäckigsten und den allerdümmsten Vorurteilen der Allgemeinheit zu kämpfen haben. Wer diese Diagnose bei der Arbeitssuche angibt, braucht gar nicht erst anfangen zu suchen. Man geht davon aus, dass schizophrene Psychosen unbehandelbar sind, fest eingeschrieben in unseren Köpfen ist auch das Märchen, dass Psychotherapie in diesen Fällen nicht hilft, dass die Krankheit unheilbar ist, und ganz besonders hartnäckig hält sich der Mythos von der „gespaltenen Persönlichkeit“ Schizophrener nach dem Beispiel von Dr. Jekyll and Mr. Hyde. Wohlgemerkt ein Gruselroman des 19. Jahrhunderts von R.L. Stevenson, in dem der Chemiker Dr. Jekyll einen Trank erfindet, der seine Persönlichkeit aufspaltet – in den guten Jekyll und den bösen Hyde, der Frauenmorde begeht. In Wirklichkeit jedoch bedeutet das Wort "schizophren" zwar Spaltung der Seele, meint aber nicht die Spaltung des Menschen in zwei Persönlichkeiten, sondern den Umstand dass Menschen mit Schizophrenie zwei Wirklichkeiten kennen, nämlich die reale Wirklichkeit, wie wir sie alle erleben, und eine zweite Wirklichkeit, doch nach wie vor glaubt alle Welt, dass schizophrene Menschen generell potenzielle Mörder sind.

 

Das geliebte Etikett

Bleibt zum Schluss noch eine Gruppe von Menschen zu verzeichnen, die ebenfalls ganz besonders unter den vielfältigen Stigmatisierungen von Psychiatriebetroffenen zu leiden haben, und das sind die sogenannten geisteskranken Künstler wie auch Künstler, die sich mit Geisteskrankheit beschäftigen. Hier boomen die Ausstellungen mit der Kunst psychisch Kranker, es wird auf Teufel komm raus mit dem „Wahnsinn“ kokettiert, und wer sich eine goldene Nase verdient, sind Galeristen und Verleger, sicher aber nicht psychisch kranke Künstler oder Künstler, die sich mit dem Wahnsinn beschäftigen. Und: was ist eigentlich geisteskranke Kunst, ist jeder Geisteskranke Künstler und jeder Künstler geisteskrank? Betrachtet man die Vorurteile zu diesem Thema, könnte man meinen, das Wichtigste wäre, jedem und allem, was damit in Zusammenhang steht, ein Etikett zu verpassen. Das Etikett “geisteskrank” und damit vielleicht künstlerisch, aber jedenfalls auch hemmungslos promiskuitiv, rabiat und unberechenbar. 

 

(erschienen in Arzt&Praxis 957, 2009)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Because my dreams

are made of iron and steel

with a big bouquet of roses

hangin´down

from the heavens

to the ground

 

B. Dylan