Simon versank in die Farbe des Wassers, dachte an den Sommer vor zwei Jahren, als Blau in ihm explodiert und er glücklich gewesen war. Mehr als das. Ähnlich unerdenhaft glücklich wie jetzt Ines, der die Schönheit ihrer Welt in rosenrot manchmal so zusetzte, dass sie sie in ihren Tränen zu ertränken müssen glaubte. Unbegreifbar schön hatte auch seine Welt sein können. Schlaflos vor Lebensfreude war er gewesen, die Welt war bunt und hell gewesen, nichts hatte er gefürchtet, alles hatte sich ihm wie selbstverständlich eröffnet, von luftig-leichten Gedanken war er getragen gewesen, und jede Logik und  jedes Denksystem war ihm möglich und offen gewesen. Mit schmerzhafter Genauigkeit erinnerte er sich daran, welche Glücksgefühle das Blau des Himmels in ihm ausgelöst hatten, und wie er mit einem Mal von Blau beherrscht gewesen war.

Sein Blick war auf nur mehr Blau eingestellt gewesen, wo auch immer er kaufbares Blaues entdeckt hatte, hatte er es gekauft, und er hatte nicht mehr aufhören können, an Blau zu denken, und seine Gedanken in blau zu färben, ein rauschhaftes Blau, das er überall sah, war die Entsprechung seines Lebensgefühls, die Entdeckung der letztendlichen Wahrheit und musste es also auch für alle anderen sein.

Blau hatte er in diesem Sommer auch die ganze Wohnung eingerichtet, er hatte blaue Sofas, blaue Stühle und eine blauen Tisch anfertigen lassen, blaue Tücher, Bettwäsche, Vorhänge, Handtücher gekauft, absurd war ihm erschienen, dass seine Einrichtungsgegenstände andere Farben hatten, dass überhaupt irgendetwas auf das der Blick fallen konnte, anders als blau sein sollte, und weil das nicht so sein sollte, hatte er mit Blaufilter zu fotografieren begonnen - die Häuser der Stadt blau, der Fluss der Stadt endlich auch blau, das Gras der Parks blau, Veras Gesicht mit bläulichem Schimmer.

All seine Arbeiten hatte er in Blau gekleidet, hatte das Himmelsblau über alles gelegt, die schönste Farbe der Welt, wie konnte er anders als nur mehr sie zu verwenden, und wie mit allem Recht zornentbrannt war er gewesen, als man begonnen hatte, ihn wegen dieses Blaus in all seinen Arbeiten zu kritisieren. Banausen hatte er sie genannt, die Auftraggeber, ins Gesicht hatte ihnen gelacht, wenn sie diese, seine Kunst nicht kaufen wollten, nicht produzieren wollten. Und hinausgestürmt war er aus den Räumen, dahingerissen von seiner Überzeugung und dieser Lebensfreude.

Vera hatte er eine ganze Garderobe in blau gekauft, an einem Nachmittag in den besten Läden der Stadt alles zusammengekauft, was dem Blau seines Himmels nahekam, und Stoffe dazu, in allen Blauschattierungen, marineblau, lichtblau, kobaltblau, sepiablau, petrolblau, türkis, was er finden konnte, hatte er gekauft, doch nichts hatte ihn wirklich zufriedengestellt, und er war immer weiter auf der Suche geblieben, nach jenem unwirklichen, unfassbaren Himmelsblau der Ferne, das sich dem Erfassen immer entzog. Trotzdem hatte er die Stoffe zum  Schneider getragen und Kleider für Vera in Auftrag gegeben, in fließenden Formen, doch der Schneider hatte seine Vorstellungen nicht verwirklichen können, war weit hinter dem zurückgeblieben, was seine Visionen gewesen waren, und nichts von dem, was der Mann in seiner Durchschnittlichkeit geschaffen hatte, war ihm gut genug gewesen, und so hatte er selbst Kollektionen in Blau entworfen und sie an Lang, Gaultier und Westwood geschickt, schon am nächsten Tag sich in den Büros beschwert, warum noch keine demütigen Dankesschreiben bei ihm eingelangt waren, kein Hymnen an den neuen Schöpfer einer überirdischen Mode, keine Einladungen in  alle Welt.

Blaue Nächte hatte er ausgerufen und Freunde und Fremde in seine Wohnung geladen, zur blauen Stunde, und ganze Batterien vom besten Blaufränkischen kredenzt, und den Wein hatte er getrunken als wäre er Wasser und war doch nie betrunken geworden, denn kein Rausch konnte dem Lebensrausch, den er in sich hatte, gleichkommen und ihn schon gar nicht übertrumpfen, wenn er - von seinem Gedankensog dahingerissen - über die Welt sprach und über die Wahrheit, die er entdeckt hatte, die Wahrheit, die im Blau lag, der letztendlichen Farbe, die einen weit weg von allem, was greifbar und real war, mit sich nahm, in eine schönere Welt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Because my dreams

are made of iron and steel

with a big bouquet of roses

hangin´down

from the heavens

to the ground

 

B. Dylan