Überhaupt redete Klara wahnsinnig gern von sich selbst, und ich musste mir das immer Länge mal Breite anhören. So intensiv wie sie anfangs geschwiegen hatte, so intensiv redete und erzählte sie jetzt, nach der Schule, bei ihr zu Hause, bei mir zu Hause, am Telefon, und natürlich wenn wir zusammen ausgingen, und manchmal hatte ich das Gefühl, dass sie sich nicht im geringsten für meine Sachen interessierte und mich überhaupt nicht mehr wahrnahm, wenn sie so dahin redete und jedes Detail ihres momentanen Problems auf jede nur mögliche  Art beleuchtete und mich dazu um meine Meinung fragte. Sie dachte in diesen Momenten einfach nur an sich und sah nichts mehr von dem, was außerdem noch rundherum war, und sie sah vor allem nur ihr eigenes Leid, und das der anderen zählte nicht, meines schon gar nicht.

 

Mit der Zeit gewöhnte ich mich aber an diese Eigenschaft von ihr, und wenn sie auf diesem Trip war, versuchte ich gar nicht erst mehr, von mir zu reden, obwohl es da auch genug zu sagen gegeben hätte, aber das, was meine Verzweiflung und meinen Lebensekel ausmacht, konnte ich sowieso nie beschreiben oder wenn, dann nur so, dass ich mich selbst verachtete, wenn ich es wieder einmal versucht hatte, weil ich darin nur scheitern konnte, und weil sowieso niemand und auch wirklich niemand auch nur im Ansatz verstand, was ich meinte und warum mein Leben so beschissen war wie es eben war, und weil ich wusste, dass ich nie jemanden finden würde, der es verstehen würde, außer vielleicht Kurt, aber der war tot und nie mehr für mich zu sprechen, dabei gab es nichts was ich mir mehr wünschte, als einmal mit ihm gesprochen zu haben, und ich dachte immer, wenn ich ihn kennen gelernt hätte, hätte es vielleicht einen Menschen auf der Welt gegeben, der ansatzweise verstanden hätte, warum ich das Leben nicht ertrage. Ich meine, ich hätte ihn nie so blöd auf Groupie angemacht und ihn angehimmelt oder so, ich stellte mir immer vor, ich hätte irgendetwas inszeniert, um ihn ganz normal kennen zu lernen, irgendwie ganz außerhalb von Konzerten oder so. Manchmal stellte ich mir vor, ich wäre dahin gereist, wo er wohnte, und dann wäre ich dort in der Gegend von seinem Haus mit einem Taxi entlanggefahren, und dann hätte ich den Taxifahrer gebeten, eine Autopanne zu simulieren. Dort, wo das Haus steht, in dem Kurt wohnte, ist es ja ganz einsam, da gibt es sonst keine Häuser, und dann wäre ich aus meinem Taxi ausgestiegen und zu Fuß zu seinem Haus gegangen und hätte angeläutet, und vielleicht hätte ja wirklich er aufgemacht, und dann hätte ich gesagt, dass ich eine Autopanne habe und hätte gefragt, ob ich vielleicht mal kurz sein Telefon benützen könnte, um den Pannendienst anzurufen, und ich hätte sonst gar nichts gesagt, ich meine, ich hätte so getan, als sei er ein ganz normaler Bewohner irgendeines Hauses, ich hätte ihn nie damit genervt, dass ich gesagt hätte, wow Kurt, und kann ich ein Autogramm haben oder sonst irgend so einen Schwachsinn, und ich hätte mir einfach nur angeschaut, wie er so aussieht, und was für Klamotten er trägt und wie er reagiert, und ich bin sicher, es wäre absolut cool gewesen. Ich meine, ich hätte es nicht gebraucht, dass er mich auf einen Tee einladet oder irgendwelche netten Floskeln sagt, es hätte mir gereicht, wenn er mir nur den Weg zum Telefon gezeigt hätte und dann gleich wieder verschwunden wäre, und ich hätte dann aber gewusst, wie er so ist, und wahrscheinlich hätte ich gespürt, dass er mich versteht, dass er hinter meiner Autopannengeschichte mein Elend sieht und ganz genau weiß, wie ich drauf bin, und vielleicht hätte ihn das sogar gefreut, weil er dann gewusst hätte, es gibt die Leute wirklich, für die er seine Songs macht  und von denen er singt, es gibt ganz einfach Leute, denen es genauso dreckig geht wie ihm, und ich hätte gewusst, dass er genauso ist, wie ich ihn mir immer vorgestellt habe, und es wär mir ein kleines bisschen besser gegangen, allein deswegen, aber in meinem wirklichen Leben war ich sowieso allein, und ich sagte meist nichts über mein Elend, und Klara redete.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Because my dreams

are made of iron and steel

with a big bouquet of roses

hangin´down

from the heavens

to the ground

 

B. Dylan