Sie hatte lange nach Arbeit gesucht.

 

Zu Beginn war sie wählerisch gewesen. Sie hatte sich interessante Firmen aus dem Telefonbuch herausgesucht, hatte sich Zeit genommen für die Bewerbungsschreiben, hatte Zeugnisse kopiert, einen perfekten Lebenslauf verfaßt, genauso wie es in den Handbüchern für Arbeitssuchende beschrieben war.

 

Meistens hatte sie keine Antwort bekommen, selten eine höflich formulierte Absage: Derzeit kein Bedarf, man werde sie aber in Evidenz halten.

 

Nach einigen Wochen hatte sie einen Anruf erhalten: Man lade sie zu einem Vorstellungsgespräch ein. An einem Montagmorgen war sie früh aufgestanden, hatte ihr schönstes Kleid angezogen, sich zwei Stunden auf das Gespräch vorbereitet, alle möglichen Fragen im Geist durchgespielt. Sie war nervös, aber voller Hoffnung gewesen, sicher, daß sie überzeugen würde.

 

Um punkt elf Uhr war sie in das Zimmer des Abteilungsleiters vorgelassen worden. Sie war auf den Mann zugetreten, hatte ihm die Hand gereicht und gesagt, daß sie sich freue, zum Gespräch eingeladen worden zu sein. Das habe nichts zu bedeuten, hatte er geantwortet, er lade alle, die sich bewerben, ein, das habe er sich zur Angewohnheit gemacht.

Er hatte ihr einen Stuhl an einem runden Tisch ihm gegenüber angeboten und weitergesprochen. Leute wie sie, die einen Job in diesem Unternehmen und in dieser Abteilung des Unternehmens wollten, gebe es wie Sand am Meer. Ohne zu übertreiben, spreche er pro Woche mindestens einmal mit einem Bewerber oder einer Bewerberin. Die meisten, hatte er gesagt und sich grinsend in seinem Stuhl zurückgelehnt, die meisten seien aber dann froh, den Job nicht zu bekommen. Von denen höre er also - gott sei dank - nie wieder etwas.

Grundsätzlich, hatte er gemeint, grundsätzlich gebe es drei Möglichkeiten, hier Arbeit zu finden. Die erste Möglichkeit sei die, daß jemand aus der bestehenden Mannschaft sterbe - was er nicht hoffe, denn seine Leute seien gut, sonst wären sie nicht bei ihm; die zweite Möglichkeit bestehe darin, daß das Budget für seine Abteilung vergrößert werde, dies sei eine absolut theoretische Variante. Es bestehe aber ein Wechsel des Generaldirektors bevor. Dazu wolle er nur soviel sagen: Mit dem jetzigen Direktor stehe er nun nach langen Kämpfen nicht mehr auf Kriegsfuß, sondern im Waffenstillstand, mit dem kommenden aber sei das Gegenteil der Fall, er werde also aller Voraussicht nach im Herbst noch eine Abteilung dazubekommen. In dieser Hinsicht stünden die Chancen wiederum günstiger, denn er werde dann mit absoluter Sicherheit einige Veränderungen vornehmen, so zum Beispiel werde er mit sofortiger Wirkung alle Mitarbeiter der Abteilung Z. entlassen, denn dort werde nicht professionell gearbeitet.

Die dritte und letzte Möglichkeit bestehe darin, daß es ihr gelinge, ihn und nicht nur ihn, sondern das ganze Team, denn sie seien ein Team, davon zu überzeugen, daß sie absolut gut sei, besser als alle anderen und daß man sie hier unbedingt brauche. Wenn ihr das gelinge, müsse sie sich aber dessen bewußt sein, daß sie in diesem Fall entweder jemanden ersetze oder aber einem oder mehreren anderen jetzigen Mitarbeitern etwas wegnehme.

Es sei von Vorteil, daß sie eine Frau sei, hatte er gesagt, denn er tendiere in letzter Zeit dazu, Frauen zu bevorzugen, schon allein aus dem Grund, weil sein Bereich traditionellerweise zu ungleich höherem Ausmaß von Männern besetzt sei; nicht daß er einen Frauenclub gründen wolle oder gar für eine Quotenregelung sei, das nicht, aber er habe in letzter Zeit hauptsächlich Frauen genommen, die Frauen seien heutzutage auch schon selbstbewußt, man könne sie also durchaus einsetzen.

Im übrigen wolle er bemerken, daß man bei ihm, in seiner Abteilung normalerweise nicht beginne, sondern aufhöre. Es sei der übliche Weg anderswo klein zu beginnen. Er hole sich dann aus den verschiedenen Abteilungen die besten zu sich, denn sie seien die Elitetruppe, sie machten die beste Arbeit im ganzen Unternehmen, und was er brauche, seien keine braven Arbeitstiere, was er brauche, seien kleine Genies.

Er müsse ihr nun einige Fragen privater Natur stellen, hatte er dann gesagt. Wie abhängig sie von diesem Job sei, hatte er  wissen wollen, ihr keine Möglichkeit zu antworten gegeben, sondern selbst weiter-gesprochen. Wenn sie einen reichen Mann oder Freund habe, dann sei das sicher von Vorteil, denn am Anfang werde sie  ein Nichts und ein Niemand sein und für viel Arbeit nicht viel bezahlt bekommen. Ob sie Wert auf ein geregeltes Familienleben lege, war seine nächste Frage gewesen, die er ebenfalls wieder selbst beantwortet hatte. Wenn das so sei, dann könne sie den Job vergessen, denn das gebe es hier nicht, sie müsse verfügbar sein, am Anfang sehr verfügbar, und das vor allem abends. Seine Ehe sei zu Beginn seiner Karriere in die Brüche gegangen, mit so etwas müsse man rechnen. Einmal hätten sie eine Mitarbeiterin gehabt, die immer wieder Arbeiten abgelehnt habe, da habe sie sich schon mit ihrem Freund etwas ausgemacht, und da könne sie auch nicht und so weiter, die sei bald geflogen, denn so etwas gebe es hier eben nicht, natürlich toleriere er es ab und zu, wenn Jobs intern unter Kollegen getauscht würden, wer letztendlich was mache, sei ihm ja egal, gemacht müsse es werden, die unangenehmen Sachen eben von den Anfängern.

Und schlußendlich, der Job sei nicht normal, und es sei nicht normal, so etwas machen zu wollen, also könne man auch nicht normal sein, wolle man dabei sein. Sie seien alle Spinner, und wer mitmachen wolle, müsse ebenfalls ein Spinner sein, ein Spinner, aber sozial verträglich. Einmal hätten sie jemanden gehabt, der habe die ganze Woche die Kleidung nicht gewechselt, die Leute seien zu ihm gekommen und hätten gesagt, das hielten sie nicht aus, den Gestank und das ganze, also so gehe es nicht. Andere wiederum seien so arrogant, daß sie mit keinem reden wollten, auch das gehe nicht, man müsse mit den Leuten reden können, denn sie seien wie gesagt ein Team.

Was er noch sagen wolle, er gehe davon aus, daß sie nichts könne, was sie hier brauchen, das heiße, daß ihre einzige Chance darin bestehe, gute Ideen zu liefern, die dann im Team mit einem Alteingesessenen realisiert werden. Dabei sehe man dann auch gleich, ob sie lernfähig sei oder sich ganz blöd anstelle. Sei letzteres der Fall, dann sei die Sache natürlich auch gestorben.

Wenn sie noch immer an dem Job interessiert sei, solle sie ihm schriftlich innovative und kreative Konzepte und Vorschläge schicken, dann noch einen Termin fixieren und dann werde man noch einmal über die Sache reden.

Das waren seine letzten Worte gewesen, bei denen er schon aufgestanden war und die Tür geöffnet hatte. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Because my dreams

are made of iron and steel

with a big bouquet of roses

hangin´down

from the heavens

to the ground

 

B. Dylan