Er kam dann im September. So wie sie vorausgesehen hatte, begegnete sie ihm mit aller Freundlichkeit und gefährlicher Offenheit, es dauerte also nicht lange bis sie wieder seine Geliebte und Muse wurde, in den paar Tagen, die er blieb, und zu ihrem Erstaunen blieb diese Stimmung auch in allen diesem Wiedersehen folgenden Briefen erhalten: Sie war seine Schöne und Liebe, seine sanfte Taube und seine wilde Geliebte, vor allem aber schrieb er von seiner Arbeit, schickte ihr Brief um Brief, in denen er auf das genaueste von seinem Tagesablauf berichtete, sie teilhaben ließ an den kleinsten Details der Fragen, mit denen er sich quälte.

 

*

 

Er sitze an seinem Schreibtisch, vor dem Fenster breite sich die von dem Fluß durchschnittene Landschaft mit den Hügeln und den Pappeln aus, ganz nah bei ihm, links an seiner Seite bewege sich eine Zypresse im Wind.

 

Zu Mittag habe er begonnen zu arbeiten. Er habe sich zwei Stapel gelblich gefaserten Papiers vorbereitet, habe begonnen, mit schnellen, klaren und kleinen Schriftzügen auf die links liegende Seite zu schreiben. Rechts und links des Papierbogens habe er breite Ränder gelassen, er habe flüssig und ohne abzusetzen mehrere Seiten des linken Papierstapels vollgeschrieben. Was er in diesem ersten Kapitel zu schreiben beabsichtigte, sei in groben Zügen seit langem in seinem Kopf festgesetzt gewesen, während er geschrieben habe, seien ihm neue Einfälle gekommen, denen er ungeordnet nachgegeben, sie einfach, schnell und lustvoll auf das Papier gesetzt habe. In wenigen Viertelstunden sei die männliche Hauptfigur skizziert gewesen, habe sich der Lächerlichkeit ausgesetzt, mühevoll studiert, traurig geheiratet, die Frau bald begraben, und sei das erste Mal der weiblichen Hauptfigur begegnet.

 

Er sei zum ersten beschriebenen Blatt zurückgekehrt, habe den ersten Satz wieder und wieder gelesen, als er ihn wohl an die fünfzig Mal leise memoriert hatte, seien ihm da und dort richtigere Wörter eingefallen, er habe das Alte ausgestrichen, die Korrekturen an die Ränder geschrieben, die er dafür freigelassen hatte. Er sei bedächtig und präzise vorgegangen, habe jedes Wort für sich und gegen die anderen Wörter des Satzes abgewogen, die meisten für zu leicht befunden, auch die, die er an die Korrekturränder gestellt hatte, habe er nach genauen Überlegungen wieder durchgestrichen. In seinem Kopf seien Wörter wie Raketen durcheinandergeschossen, hätten sich Wortsalven entzündet, die in vom Geist nicht nachvollziehbarer Geschwindigkeit losknallten und dort verpufften, wo er sie nicht einholen und auf das Papier bannen konnte, dann wieder sei eine schale, fade Öde in ihm gewesen, in der Stunden vergehen konnten, ohne daß auch nur ein Wort, das als Wort gelten konnte, sich aus seinen Gehirnwindungen pressen ließ.

 

Am Ende des Nachmittags habe er zwei Sätze auf seinem Blatt gehabt, von denen er gemeint habe, daß sie vielleicht und zumindest für diesen Tag so stehen bleiben würden können, in seinem Kopf sei Leere gewesen. Unzählige Male hätte er auf die Zypresse geblickt und im Geist ihre Bewegung notiert, während sich an der Figur, an der er arbeitete, nichts bewegt hätte. Vier Pfeifen hätte er seit dem Mittag geraucht, er habe sich danach gesehnt, die fünfte entzünden zu können, doch er hätte sich auferlegt, das erst zu tun, wenn er zumindest drei Sätze hatte, mit denen er sich für diesen Tag zufrieden geben wollte, also habe er dem Rest von Tabakgeschmack nachgespürt, der noch in seinem Mund war und habe den Fingernagel seines linken kleinen Fingers bekaut, während die Figur noch immer unbewegt mit der Mütze in der rechten Hand dagestanden sei.

 

Als die Zimmeruhr die achte Abendstunde angeschlagen habe, habe er sein Schreibgerät wütend in mehrere Teile zerbrochen, zwei wären ihm nicht genug gewesen. Er sei aufgestanden, eine Runde durch das Zimmer gegangen, an den Schreibtisch zurückgekehrt, habe das erste Blatt mit den beiden gültigen Sätzen aufgehoben, Luft geholt und die Wörter mit aller Kraft in den Raum gebrüllt, sich zu dem offenen Kamin gebeugt und den zweiten Satz in den Schacht hinaufgeschrieen, habe dann das Papier wieder auf den Schreibtisch gelegt. Er habe das grüne Tülltuch, das er am Mittag auf das Sofa geworfen hatte, wieder über die Bücher, Papiere, Hefte und Karteikarten gelegt, habe das Licht im Zimmer gelöscht und sei hinunter ins Eßzimmer gegangen, wo seine Mutter mit dem Abendessen auf ihn gewartet habe. Er habe seinen Körper mit Speisen gefüllt und viel von dem roten Tischwein getrunken, später die fünfte Pfeife seines Tages entzündet. Um elf sei er wieder in sein Arbeitszimmer gegangen, habe einen Moment vor dem Spiegel gestanden und sorgenvoll sein sich lichtendes Haar betrachtet, nun schreibe er ihr, denke an sie, auch tagsüber, während er schreibe, tauche ihr Bild manchmal zwischen den Sätzen auf, sie sei die einzige von den vielen, die er zu lieben geglaubt hatte, die einzige, an die er sich erinnern mochte.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Because my dreams

are made of iron and steel

with a big bouquet of roses

hangin´down

from the heavens

to the ground

 

B. Dylan